Wir hatten die letzten zwei Wochen immer einmal wieder einen Parkett-Leger hier, da unser Parkett sich wegen Wasserschaden ein wenig angehoben hat. Und ich bin nun froh, dass das mittlerweile vorbei ist, denn ich war danach immer so immens schlecht gelaunt. wieso? Das war ein älterer Mann, vermutlich schon Rentner, der das eben immer mal wieder wohl macht, um seine Rente aufzubessern. Und der jammerte und jammerte und jammerte. Bitte nicht falsch verstehen, denn ich jammere schließlich auch gerne; nicht umsonst ist "rant" in meiner tag-Wolke recht groß. Aber das war ... anders.
Das war so die Sorte von Mensch, die einem die Welt erklärt - so erklärt, wie sie ist und kein Stückchen anders. Und mit solchen Menschen habe ich sowieso tierisch Probleme. Das war ein Mensch, der ständig auf den Staat schimpft, auf die Zukunft, auf das, was gerade passiert, auf das was gestern passiert ist und das, was passieren wird. Das war ein Mensch, der über alles wirklich nur meckern konnte und in keinem irgendwie was Positives sehen. Das fällt einem vielleicht schwer im Lebens-Abend, aber ich hoffe, dass es mir nicht so geht, denn dann kann man sich doch gleich erschießen anstatt den jungen Leuten dann auch noch den Spaß am Leben zu nehmen.
Beispielsweise berichtete er von seiner Enkelin, dass die mit der Schule fertig geworden wäre und dann Tier-Ärztin lernen wollte - oder Assistentin eines Tier-Arzt oder wie auch immer. Und er regte sich darüber auf, wie sie so einen Beruf wählen kann, denn das bringe ja nichts! Tiere sind die ersten Sachen, die man weg gibt, wenn es einem schlechter ginge und daher wäre der Tier-Arzt-Beruf keine Zukunfts-Investition, davon könne man ja nicht leben! Sie sollte lieber was Richtiges lernen. So wie er? Zimmermann? Wo er mir dann keine paar Tage später dann vorjammerte, wie die ganzen Zimmermann-Betriebe hier in Ginsheim kaputt gegangen sind und es von anfangs 3 hier in Ginsheim keinen einzigen mehr gibt? Seine Wahrheit schwankte da stets einfach mit seiner Grund-Intention: Meckern. Alles war scheiße, alles war Mist, man musste es nur aus dem "richtigen" Blickwinkel sehen - und darum bemühte er sich und er bemühte sich auch redlich, mich auf diesen Standpunkt auch zu stellen.
Nun könnte man natürlich ganz einfach sagen: "Stell dich nicht so an, ignoriere es." Würde ich gerne, kann ich aber schwer, wie sicherlich viele wissen, die mich kennen. Irgendwann habe ich es dann einfach wirklich probiert, zu dem ganzen Schwachsinn von ihm einfach zu nicken und meine Ohren auf Durchzug zu stellen; dennoch fiel es mir ungeheuer schwer. Denn ich habe einfach ein Problem mit solchen Leuten, die die Welt erklären. Nicht, weil das stimmt, was die erzählen oder weil ich zu leichtgläubig bin. Ich glaube, das Problem ist komplexer.
Ich nehme erst einmal alle Leute ernst und damit auch das, was sie sagen. Wahrheit ist für mich nicht fix, Wahrheit ist fließend. Es gibt nicht eine Wahrheit, es gibt Wahrheiten - stets im post-strukturalistischen Plural. Daher gehen mir solche Leute gegen den Strich, die nur eine Wahrheit sehen. Aber wieso stört es mich dann, wenn es sowieso für mich nicht eine Wahrheit gibt, sondern viele? Ich könnte das doch dann aber einfach als eine jener Wahrheiten sehen und gut ist. Leider geht das nicht so einfach, denn die Grundhaltung hinter dieser einen Wahrheit widersetzt sich diesem Gedanken. Diese eine Wahrheit lässt sich bei solchen Menschen so ungeheuer schwer in die Pluralität an Wahrheiten assimilieren. Widerstand ist zwecklos? Hier leider nicht, denn diese Wahrheit widersteht.
Das liegt noch nicht einmal so sehr an den guten Argumenten, an den tollen Beispielen - denn beides ist meist eher mäßig. Das liegt eigentlich fast immer nur an dem Selbstbewusstsein und dem Ego des Menschen mit Horizont-Beschränkung dahinter. Das ist, wie einen störrischen Esel bewegen zu wollen, das ist, wie mit einer Parkuhr zu reden - und manchmal kostet es Geld, sowohl im übertragenen Sinne wie auch im wörtlichen. Dadurch, dass dieser eine Mensch so felsenfest an seine Wahrheit glaubt, noch nicht einmal bereit ist, irgendwie über eine andere Wahrheit nachzudenken, sie auch in Betracht zu ziehen, mit einem Selbstbewusstsein, das einem Don Quixote gleicht, macht es mir Agnostiker, mit pluralistischem Post-Strukturalisten ohne dieses Selbstbewusstsein schwer, am eigenen Weltbild festzuhalten. Es ist ein wenig wie das Aufeinandertreffen von Papier und Schere im Schnick-Schnack-Schnuck - das Eine sticht das Andere, aber das Andere hat keine Möglichkeit zurück zu stechen.
Das Problem wird sogar noch größer, je mehr Leute daran glauben und gerade bei Stammtisch-Wahrheiten vermehren sich die Gläubigen und Jünger wie die Hasen im Frühling. Je mehr Leute an eine Wahrheit glauben, desto wahrer wird sie. Keineswegs darüber, wie wahr sie nun ist, sondern nur über diese Anhänger. Das ist kein neuer Gedanke, den findet man schon allein in der Pop-Kultur an mehreren Stellen, sei dies im AD&D-Planescape-Universum oder bei Pratchett. Und je toleranter man eigentlich mit den Wahrheiten anderer ist, je offener und freier man das Denken lässt, desto schwerer hat es die eigene Wahrheit und mit der eigenen Wahrheit auch man selbst. Denn es ist stets so, dass jene die felsenfest an etwas glauben, und sei dies noch so falsch!, immer mehr Anhänger haben, als jene Skeptiker, die auch sich selbst hinterfragen. So sind die Wahrheiten, so ist das Leben, so ist das Universum. Aber wie kann man diese Ansicht schon vertreten, wenn man dies niemandem dogmatisch aufdrückt? Schon allein dadurch wird es unwahrer und das eigene Problem wächst.
Und das ist auch der Grund, warum ich solch ein Problem mit solchen nörgelnden Stammtisch-Alten habe; aber nicht nur mit denen, denn es gibt schließlich auch genug junge Leute mit einem Ego, das durch kein Scheunen-Tor passt. Gerade in den Naturwissenschaften ist sowas gerne vertreten. Klar, auch bei uns in den Geisteswissenschaften, aber dennoch scheint es mir in den Naturwissenschaften häufiger - wobei es gerade dort nicht falscher sein könnte. Interessanterweise setzen sich die wenigsten Naturiwissenschaftler mit solchen grundlegenden Sachen wie Meta-Wissenschaft auseinander, Aussagen-Logik, Empirie-Kritik, Induktions-Problem und dergleichen. Aber dennoch behaupten sie dann immer wieder gerne, sie hätten sich damit auseinander gesetzt. Doch wenn man einmal nachhakt, ob sie sich denn überhaupt dem Problem von induktiven Schlüssen bewusst sind, schauen sie einen nur verständnislos an - selbst wenn man ihnen sagt, was man mit Induktion meint. Und selbst dann verwenden sie noch gerne induktive Schlüsse und tun so, als ob sie dadurch schon etwas bewiesen hätten. Und lassen hierbei dann einmal wieder außer acht, dass es generell ein Problem mit dem Erkennen von äußeren Dingen gibt beim Menschen. Aber das hat David Hume alles schon viel besser beschrieben als ich - doch den kennen sie auch alle nicht. Und dennoch wissen sie, wie die Welt funktioniert. Doch wie kann man eine Welt erkunden, wenn man nie hinterfragt? Wer die Welt und auch sich selbst nicht hinterfragt, wird nie die Welt erkunden können und sie stets
nur erschaffen.
Comments
Thu, 27.11.2008 12:17
Gratulation! Bei mir wird es jetzt definitiv nichts mehr mit dem Winner-Button. 30000 Wörter werde ich in den [...]
Wed, 26.11.2008 15:43
Yaymapi! Herzlichen Glückwunsch!
Wed, 26.11.2008 10:49
“Großes Kino” ist genau die richtige Beschreibung. Viel liebe zum Detail und tolle Questen. Alleine mit der Lore [...]
Fri, 21.11.2008 14:58
Mit dem Esslinger Weihnachtsmarkt klappt es dieses Jahr leider nicht. Wir sind erst zwischen den Jahren (also nach [...]
Mon, 17.11.2008 18:58
Danke für den Hinweis. Korrigiert.
Mon, 17.11.2008 18:52
Was ein deutsche Vizejugendmann ist kann ich mir vorstellen, aber was ist ein Schtsmeister? (SCNR)