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Sunday, October 26. 2008
Übersetzungen sind Auslegungssache. Übersetzungen sind immer auch schon zum Großteil eigene Interpretation und sowieso gefährlich nahe an der Autorensuche. Das ist ein grundlegendes, literaturphilosophisches Problem bei Übersetzungen - zumindest für mich als Post-Strukturalisten. Und auch wenn ich sehr für Interpretationspluralismus einstehe, so gibt es bei Übersetzungen natürlich stets sinnige und unsinnige Übersetzungen, bessere und schlechtere Übersetzungen und natürlich auch ganz krasse Übersetzungsfehler trotz allem Interpretationspluralismus. Dass dies alles sich natürlich beißt, ein unangenehmes Paradoxon zu post-strukturalistischen Grundprinzipien erzeugt, ist mir auch bewusst und ein überaus spannendes Thema, das aber einen anderen Blog-Eintrag darstellt. Hier geht es mir um die Lokalisation von WoW.
Ich persönlich halte von der WoW-Lokalisation sehr wenig. Es gibt bei WoW ein paar wenige wirklich gute Übersetzungen, aber zum Großteil sind sowohl die Übersetzungen selbst als auch die Übersetzungspolitik wirklich ein Graus und ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich ein wenig mit Englisch auskennt. Da gibt es solch illustre Sachen wie den "Morbent Fel/Morbent Teufels" (nicht immer stupide die Übersetzungsroutine laufen lassen) oder den "Felwood/Teufelswald" (es gibt in der WoW-Geschichte keine Teufel) und nun gibt es sogar eine neue.
Seit kurzem gibt es ein neues Event. Davon habe ich schon gelesen. Aber nachdem mir gestern jemand den deutschen Text der Queste kopierte, wurde mir klar, dass auch das einmal wieder diskussionswürdig übersetzt wurde: "Chamber of Secrets" heißt die Quest auf Englisch und ist eine Queste für Karazhan, auf Deutsch heißt das Ganze dann "Kammer der Geheimnisse". Ich würde es "Kammer des Schreckens übersetzen. Aber das ist doch richtig übersetzt und deine Übersetzung ist falsch! Nein, ist es nicht. Wenn man es wörtlich sehen würde, dann vielleicht, aber hier darf man eigentlich nicht wörtlich übersetzen. Karazhan erinnert gerade gegen Ende der Instanz an Hogwarts, gerade architektonisch, aber eben auch solche Sachen wie das Schach-Event und nun auch hier bei dieser Quest ist natürlich dann eine Harry-Potter-Anspielung verpackt. Die englische Ausgabe des zweiten Bandes heißt "Harry Potter and the Chamber of Secrets", die deutsche Ausgabe wurde ebenfalls nicht wörtlich übersetzt und heißt "Harry Potter und die Kammer des Schreckens".
Ich bin weiterhin dafür, dass unsere Petition für diese Übersetzungspolitik, nämlich alles wortwörtlich zu übersetzen, endlich mal durch kommt. Denn spätestens mit diesem Beispiel ist klar, dass die Übersetzer sich keinerlei wirkliche Gedanken um die Übersetzung machen, sondern ganz stupide wörtlich alles übersetzen. Das kann auch die Übersetzungsroutine, dafür braucht man keine menschlichen Übersetzer, die Anspielungen und Feinheiten erkennen. So gerne ich WoW habe, so viel ich Blizzard verzeihe, die Übersetzungspolitik ist ein tiefer Abgrund. Ich mag "Grimlingsflitzer" als Übersetzung und ich mag "Süderstaade", ich mag "Beutebucht" und noch ein paar wenige, aber der Großteil der Lokalisation ist häufig die Strahlung nicht wert, die er aussendet.
Tuesday, October 14. 2008
Manche Naturwissenschaftler machen sich darüber lustig, wie undeutlich Sprachwissenschaftler oder Literaturwissenschaftler formulieren. Naturwissenschaftler hätten angeblich eine so eindeutige Sprache und könnten damit alles ganz einfach erklären. Aber dann jammern sie rum, wenn sie Zufallsgeneratoren Nicht-Naturwissenschaftlern erklären müssen. Und dann kommen plötzlich Aussagen wie: "Das verstehen die sowieso nicht" oder "Da lesen sie sowieso rein, was sie wollen." Es sind also tatsächlich immer die Anderen, die ungenau formulieren oder ungenau verstehen; man selbst ist immer eindeutig und klar. Herzlichen Dank für so viel Selbst-Reflektion und Methoden-Kritik - da kann ich persönlich nur den Kopf schütteln.
Das ist dann Uni-Naturwissenschaft und für den Normalsterblichen nicht verständlich. Wenn ich dann aber anfange von Saussure und Derrida zu erzählen, von signifier und signified, dann muss ich das so machen, dass es verständlich ist - obwohl es auch Universitäts-Semiologie ist. Andernfalls sind es wieder die bösen Linguisten oder bösen Post-Strukturalisten, die sich so unverständlich ausdrücken. Naturwissenschaft ist einfach, aber zu komplex für den Normalsterblichen zu verstehen. Dennoch kann ein Naturwissenschaftler ganz eindeutig sich ausdrücken - nur eben nicht für den Normalsterblichen. Da wird dann gedreht und gedeixelt bis die Argumentation sich selbst rechtfertigt, dass man das eben darf und Andere nicht. In der Naturwissenschaft darf man alles und kann schließlich auch alles, in der Linguistik, in den Literaturwissenschaften sind das alles Schwätzer, die sich nicht ausdrücken können und die können bekannterweise gar nichts.
Das wird natürlich nicht von allen Naturwissenschaftlern so gesehen, aber mir kommt es fast so vor, als ob es von den Naturwissenschaftlern so gesehen wird, die am lautesten schreien. Da ist dann alles immer vollkommen logisch, alles immer vollkommen durdacht und der Andere versteht es nur nicht, weil er nicht logisch denken kann oder zu doof ist - man selbst formuliert schließlich exakt. In dieser eigenen, kleinen, aber doch so wahren Welt wird der Naturwissenschaftler zum Ubermensch, zum perfekten Wesen, das mit einfacher Sprache formulieren kann, die jenseits aller Induktions-Probleme liegt, denn sie war, ist und wird immer sein. Dass das mehr von cthuloiden Entitäten und nihilistischen Paradoxien hat, erläutere ich jetzt auch nicht weiter, denn das ist eine so wahre Aussage gewesen, dass jeder, der sie nicht versteht, zu doof ist, denn ich habe sie eindeutig und präzise geführt.
Witzigerweise wird dieses naturwissenschaftliche Weltbild dann abgenickt. Es wird einfach akzeptiert, dass Naturwissenschaft in höheren Sphären schwebt, die man nicht verstehen muss und viele auch nicht verstehen können. Dabei liegt es auch dort nur an dem Medium, das heißt: an dem Naturwissenschaftler selbst, der das erklärt! Alles muss verständlich sein. Wenn ich Derrida oder Saussure nicht erklären kann, liegt es nicht an meinem Gegenüber, sondern an mir. Natürlich gibt es auch Leute, die sich dumm stellen, das will ich gar nicht abstreiten. Aber zunächst einmal sollte der Fehler bei sich selbst gesucht werden, in der eigenen Erklärung, in der eigenen Einsicht in die Dinge. Wenn ich in meiner mündlichen Prüfung Rational Choice-Theory nicht erklären konnte für den einfachen Mann, liegt es an mir! Nicht an der Rational Choice-Theory und nicht an ihrer Komplexität. Das muss man eingestehen, das muss man zugeben. Nur wieso habe ich das Gefühl, dass 90% der Naturwissenschaftler um mich herum das nicht können und auch noch nicht einmal ansatzweise in Betracht ziehen? Der Fehler? Der liegt immer bei den Anderen einfach via Definition (ich kann übrigens auch geschwollen und gebildet reden, wenn ich denn will) - das konnten die Naturwissenschaftler ja schon immer gut ... die Welt definieren. Dabei dachte ich immer, es ginge darum, die Welt zu entdecken.
Saturday, September 27. 2008
Wenn man Titel alphabetisch sortiert, gibt es eine Regel, die überraschend wenige zu kennen scheinen, die aber dennoch so ungeheuer wichtig ist: Artikel weglassen! Der Artikel wird bei so etwas immer mit einem Komma hinter den Titel geschoben. Denn ansonsten hat man:
"Arac Attack"
"Contact"
"Das Omen"
"Das fliegende Klassenzimmer"
"Das große Fressen"
"Das siebte Zeichen"
"Der große Gatsby"
"Der Herr der Ringe"
"Der letzte Mohikaner"
"Die Mumie"
"Hidalgo"
"K-Pax"
"M - Eine Stadt sucht einen Mörder"
"Sieben"
Es gibt einfach zu viele Titel, die einen Artikel am Anfang haben. Damit hätte man tausend Titel in der "D"-Kategorie und weitaus weniger in den anderen Buchstaben. Daher macht man es anders. Die obige Liste würde korrekter so aussehen:
"Arac Attack"
"Contact"
"Fliegende Klassenzimmer, das"
"Große Fressen, das"
"Große Gatsby, der"
"Herr der Ringe, der"
"Hidalgo"
"K-Pax"
"Letzte Mohikaner, der"
"M - Eine Stadt sucht einen Mörder"
"Mumie, die"
"Omen, das"
"Sieben"
"Siebte Zeichen, das"
Sonst hat man lauter Filme in der Kategorie "D" und "E", aber weitaus weniger in den anderen Kategorien und das kann schließlich auch nicht der Sinn der Sache sein. Oder Artikel ganz weglassen. Schmerzt mich als Philologen so richtig, denn bei der Arbeit an der Bibliographie meines Profs hat man das mit den Artikeln eingetrichtert bekommen.
Friday, September 26. 2008
Ich finde es traurig, wenn lange, durchdachte Texte im Internet nur zum Teil gelesen werden. Manchmal werden sie sogar gar nicht gelesen und dann höchstens mit dem Kommentar versehen: "tldr - too long, didn't read" oder "was für eine Textwand". Natürlich gibt es auch Textwände, natürlich gibt es auch unübersichtliche Texte, aber gerade im Internet scheint die Frustrationsschwelle für lange Texte extrem niedrig zu liegen; fast so, als ob der Internet-User von heute es verlernt hat, zu lesen.
Damit meinte ich jetzt nicht unbedingt meine Texte. Klar, mir passiert das auch, denn auch ich schreibe gerne mal länger - hin wieder ... ganz selten. Aber mir ist es gerade letztens bei einem Text unter gekommen, der lang war - nicht von mir .. ausnahmsweise. Diesen Text fand ich ungeheuer interessant zu lesen, denn derjenige konnte gerade Sätze schreiben, was im Internet nicht unbedingt üblich ist. Er konnte gut schreiben und es war weder alles klein geschrieben, noch ein einziger Absatzklotz - dennoch fand man darunter: "Er schreibt zu viel." Traurig, sehr traurig.
Die MTV-Generation hält also Einzug in das Internet. Wobei "hält" auch falsch ist, denn sie hat sich schon lange hier fest gesetzt. Texte müssen schnell, schnell, schnell gehen. Ein Text sollte nach Möglichkeit äquivalent zu den epileptischen Kamerakindern von VIVA oder Arabella Kiesbauer sein, möglichst viele Schnitte haben, am besten mit fetzigen Farben unterlegt sein, voll krasse Schreibweise haben, am besten noch ein paar Unterniveau-Witze enthalten und die üblichen Schreibfehler mit "seit/seid" und "das/dass" dürfen natürlich auch nicht fehlen - hier und da dann noch ein paar Buchstabenverdreher und fertig ist der perfekte Internet-Text.
Es gibt auch zu lange Texte. Es gibt auch Texte, die nicht nur zu lang sind, sondern auch unangenehm zu lesen sind, Texte, die merkwürdige Schachtelsätze haben, deren Bandwurmsätze niemals enden und vollkommen unübersichtlich sind. Das sollte natürlich nicht sein. Aber schon bei einem recht übersichtlichen Text wird mit "der ist zu lang"-Keule um sich geworfen. Man hat anscheinend wirklich verlernt zu lesen. Den überzeugten Philologen schmerzt das besonders. In der LoL-Generation gibt es keinen Platz mehr für ausgefeilte Texte. Die Manga-Smileys, Rechtschreib-Ekzeme und Akronym-Geschwüre von heute sind nunmal wohl die Lyrik von morgen.
Tuesday, September 23. 2008
Man muss ja schon sagen, dass die frühere Werbelandschaft einfach besser war. Na gut, sie war nicht immer besser. Aber da gab es beispielsweise so tolle Spots wie diese Allianz-Werbung, die hat sogar was Versöhnliches, oder auch die andere Allianz-Werbung, bei der ein Kleinwagen durch ein italienisches Dorf fährt und volle Kanne in einen Tomatenstand kracht - am Ende gibt (dank Allianz) für jeden Tomatenbrote. Das fand ich ganz tolle Werbespots und wenn man die mit den heutigen Versicherungs-Spots vergleicht, dann wird in den heutigen wirklich nur Angst gemacht und zwar so richtig. Klar, auch in den alten Werbespots wird gezeigt, wann man das brauchen könnte. Aber im Vergleich zu den heutigen Werbespots ist das wirklich äußerst harmlos und sogar einfach nett gemacht.
Aber es kam nicht von ungefähr, dass ich früher als Kind gerne Werbung geschaut habe und zu meinen Eltern immer sagte: "Eine Werbung noch." Da gab es auch nette Zwischenspieler. Ich glaube, die gibt es zum Teil sogar immer noch mit dem Otto beispielsweise, aber zum Großteil sind diese Einspieler doch verschwunden. An was ich mich letztens erst wieder erinnerte mit meiner Frau zusammen, waren Äffle und Pferdle. Ich weiß nicht mehr, wie wir drauf kamen, aber meine Frau ist ja Schwäbin und sagte irgendwann dann "...Äffle und Pferdle..." und ich hatte direkt das Bild der Beiden vor mir. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich die wirklich "Äffle und Pferdle" und nicht "Affe und Pferd" nannte.
Einer jener Einspieler mit den Beiden war der Hafer und Bananenblues, den ich auch nach all den Jahren noch auswendig mitsprechen konnte. Ich wusste sogar jede Betonung und jede Dialekt-Stelle im Vorraus. Aber als Kind war mir anscheinend nicht bewusst, dass das Schwäbisch ist, was die Beiden da sprechen. Für mich war das ganz natürlich und gehörte einfach zu den Beiden. Allerdings habe ich diesen Einspieler auch noch gefunden, den ich noch von früher kannte und da habe ich witzigerweise das vom Affen am Schluss nicht verstanden; heute natürlich kein Problem mehr und damals war mir der auch der Witz der Situation nicht entgangen. Aber Kinder scheinen da einen recht spannenden Zugang zu Dialekten zu haben, wenn mir das nicht wirklich bewusst war damals.
Und zum Abschluss noch ein Video, das ich bei all dem Stöbern gefunden habe und ein Querschnitt durch die Werbung der 80er/90er zieht: Werbung der 80er und 90er und hier dann sogar nochmal mit Äffle und Pferdle von 1987.
Tuesday, September 16. 2008
Bitte unbedingt diese wichtige Unterschriften-Aktion unterstützen! Am besten, bevor der Thread geschlossen wird. Für eine bessere Lokalisierung!
Sunday, September 14. 2008
Ich weiß, ich bin Rechtschreib-Klugscheißer; aber auch ich mache nicht immer alles richtig. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass ich mich darum bemühe und wirklich verhältnismäßig wenig Fehler mache. Natürlich macht man immer genau dann die Fehler, wenn man sie nicht braucht. Gerade das Internet hat leider eine große Ansteckungsgefahr für solche Fehler, denn wenn man etwas Falsches häufig genug sieht, prägt es sich so sehr ein, dass man es selbst nachmacht. Das ist schließlich auch der Hauptgrund dahinter, dass man seine Rechtschreibung aufwerten kann, wenn man viel liest. Das klappt aber eben nur, wenn man lektorierte Sachen liest: Zeitungen, Bücher etc. Wobei leider noch nicht einmal alles davon lektoriert ist, aber der Großteil dieser Sachen wird wenigstens von Leuten geschrieben, die eine sichere Rechtschreibung haben.
Wenn man sich allerdings im Internet umsieht, dann scheint Deutschlands Bevölkerung zu 90% aus Legasthenikern zu bestehen. Damit reden sich zumindest gerne viele heraus, wenn man sie einmal daraus anspricht: "Ich findedas jetzt voll diskriemineirend das dir das wichtig ist. Woher willst du wissne das ich kein Legasteniker bin?" Klar, man kann es nie wissen. Nur kenne ich einige Legastheniker und nach einiger Zeit mit ihnen, hat man ungefähr eine Ahnung, was Legastheniker-Fehler sind und was nicht. Das erkennt man häufig schon am Schriftbild, doch ich denke, das würde jetzt zu weit gehen, das hier genauer auszuführen. Kurzum: Man erkennt es, dass dem nicht so ist. Meine alte Leier und mein alter Fluch diesbezüglich sollte hinreichend bekannt sein und das habe ich in dieser Kategorie schließlich schon häufig breit getreten.
Was ich allerdings ganz gruselig finde, genau die andere Seite ist und was mir bisher noch nicht unter gekommen ist, dass man im richtigen Leben verbessert wird. Gerade, wenn man spricht, kommt am Ende doch ein anderer Satz raus, als er ursprünglich werden sollte. Da stellt man dann selten noch einmal den Satz um und fängt von vorne an, sondern macht die Augen zu und spricht den Satz dann doch zu Ende - selbst wenn er grammatikalisch nicht richtig ist. Ist mir letztens einmal wieder passiert, weil ich mit meinen Gedanken beim Reden schon einen Schritt weiter war, Satzgefüge verbockt, weil ich plötzlich am Ende eine andere Idee hatte als zu Anfang, beim Reden gemerkt, mir gedacht "ach, egal", weiter geredet und dann ... eine Kasus-Verbesserung abbekommen. Hallo? Geht's noch? Wenn das wenigstens lustig gemeint gewesen wäre, aber das war ernst! So richtig mit tadelndem Blick und so! Sachen gibt's...
Tuesday, September 2. 2008
Mensch! Echt jetzt! Schon wieder musste ich was von Logiklöchern (aka Plotlöchern) lesen! Ja, da kann man sich toll mit profilieren als Kritiker, in dem man die Logiklöcher entdeckt, über die Andere einfach drüber geschritten sind. Ich fühle unglaubliche, professionelle Frustration, denn mich als Philologen schmerzt das ungemein, diese Hatz der Kritiker auf vermeintliche Logiklöcher.
In der Sprache der meisten Kritiker sind Logiklöcher eigentlich keine Logiklöcher, sondern einfach nur Sachen, die off-screen geschehen und daher keine explizite Darstellung erfahren. Der Kritiker ist häufig nur nicht fähig, diese off-screen geschehene Szene sich vorzustellen; sei dies, dass er es tatsächlich nicht kann oder (was häufiger ist) nicht will. So einfach ist das. Ob sich der Macher da Gedanken darüber gemacht hat, wie das nun genau aussieht oder nicht, ist egal. Natürlich gibt es hier ein Problem, denn man muss nicht jeden Klogang explizit zeigen; man weiß einfach, dass er geschieht. Ähnlich muss man wirklich nicht alles zeigen.
Die Glaubwürdigkeit dessen, was nicht gezeigt wird, ist aber wichtig, um die Suspension of Disbelief nicht zu zerstören, um einen Begriff Coleridges zu benutzen. Mittlerweile gilt es allerdings häufig als alleiniges Verschulden des Werkes, wenn es zu unglaubwürdig ist und somit dem Publikum nicht ermöglicht, sich dieser Suspension of Disbelief hinzugeben. Aber (und das wird oh-so-häufig übersehen!) die Hauptverantwortlichkeit der Suspension of Disbelief liegt nicht beim Werk (dort auch - ein wenig - irgendwie), sondern beim Zuschauer!
Es geht bei der SoD auch um die Bereitschaft des Publikums, sich Unzulänglichkeiten zu ergeben. Und diese Bereitschaft ist bei den meisten postmodernen Kritikern nicht mehr gegeben. Auf der Wikipedia kann man das alles aber sowieso finden, sowohl auf Englisch wie auch auf Deutsch. Aber auf der Wikipedia steht dann sogar schon wieder: "Als Beispiel seien hier die frühen Staffeln der Serie Doctor Who genannt, wo das Publikum die billigen Requisiten und die vorkommenden Logiklöcher ignorieren muss, um die Geschichte völlig genießen zu können."
Ich kenne "Dr. Who" nicht - ich weiß, dass dies ein großer Makel ist, den ich irgendwann korrigieren will, aber darum geht es nicht. Es geht auch nicht darum, "Dr. Who" nun blind zu verteidigen, denn vielleicht gibt es da wirklich unschöne Löcher. Das Problem ist, dass Logiklöcher als Kritikpunkt schneller gezückt werden als man vernünftig darüber nachdenkt. Häufig liegt die Unzulänglichkeit nämlich nicht an der Logik der Handlung oder der Szene, sondern an der Vorstellungskraft des postmodernen Kritikers.
Wenn jemand vor einem verschlossenen Tresor steht, keinerlei Werkzeuge dabei hat und in der nächsten Szene drin ist, dann wird es haarig mit der Glaubwürdigkeit, denn man sieht nicht, wie man in den verschlossenen Tresor kommt. Das kann man einfach als gegeben hinnehmen, denn ganz ehrlich: In einen Tresor zu kommen geht schon irgendwie und sei dies, dass derjenige off-screen sich doch noch Werkzeuge geholt hat. Wäre schon nett, das explizit zu zeigen, aber muss man auch nicht. Das geht. Oder aber man jammert, weil es ja so unrealistisch ist, dass man ohne Hilfsmittel einfach im Tresorraum steht.
Natürlich ist es unrealistisch; aber nur, weil es nicht gezeigt wird, ist es nicht unlogisch - nur nicht gezeigt. "Nicht gezeigt" ist ungleich "Logikloch". Lernt das doch bitte endlich mal, ihr selbstherrlichen Kritiker dieser Welt! Man sollte schon darauf aufpassen, was man zeigt und was nicht. Denn man kann schon ganz schön daneben greifen, wenn man etwas nicht zeigt, weil es tatsächlich Darstellung benötigt hätte. Ja, das kann sein und muss von Szene zu Szene geprüft werden. Aber diese ganzen Pseudo-Kritiken gefallen sich so ungemein darin, angebliche Logiklöcher aufzudecken. Ein Werk mit ständigen Erklärbären ist langweilig und gerade die Leerstellen laden zum Nachdenken und Diskutieren ein. Die Leerstellen sind es, die ein Werk bemerkenswert machen - können.
Man selbst aber ist der große Kritiker, der den Durchblick und Überblick hat, erkennen kann, was Darstellung benötigt hätte und was nicht. Da wird häufig mit keinem bisschen Wohlwollen gegenüber dem Werk interpretiert, dass etwas seinen Grund hat und man es darauf beruhen lassen kann. Ohne Frage: Bei einer Kritik geht es um Kritik und mit Wohlwollen ist da nicht unbedingt gedient, denn man will schließlich eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Werk haben. Dennoch: Fairness darf auch der Kritiker haben, aber diese Fairness ist in der Selbstverliebtheit der postmodernen Kritiker all zu häufig verloren gegangen.
Da geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Werk, sondern um die Selbstdarstellung des Kritikers: Er erhebt sich über das Werk als Gottkaiser der Kreation, denn er weiß, was wann, wie und wieso ist und sein sollte. Der postmoderne Kritiker zelebriert sich somit selbst auf diese Art und Weise. Die postmoderne Kritik ist somit keine Auseinandersetzung mit dem Werk, sondern die Eigenkonstruktion des Kritik-Kaisers; und das Werk stirbt, verblasst neben ihm, um diesem Kritiker zu einem parasitären, selbstdarstellenden Werk zu verhelfen; nicht zu verwechseln mit Intertextualität! Leider sind die Grenzen da fließend.
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Comments
Fri, 21.11.2008 14:58
Mit dem Esslinger Weihnachtsmarkt klappt es dieses Jahr leider nicht. Wir sind erst zwischen den Jahren (also nach [...]
Mon, 17.11.2008 18:58
Danke für den Hinweis. Korrigiert.
Mon, 17.11.2008 18:52
Was ein deutsche Vizejugendmann ist kann ich mir vorstellen, aber was ist ein Schtsmeister? (SCNR)
Fri, 14.11.2008 12:49
Ja, können wir gerne schauen mit dem Esslinger Weihnachtsmarkt. Wir sind wohl wieder zwischen den Jahren unten in [...]
Fri, 14.11.2008 10:50
Ich muß mal schauen, momentan haben wir noch keine großen Pläne gemacht. Evtl die Turniertage und das avarische [...]
Fri, 14.11.2008 09:53
Dimo! Ich musste häufiger in letzter Zeit mal an dich und die anderen Nebellegendler denken. Dieses Jahr ist es leider [...]