Mensch! Echt jetzt! Schon wieder musste ich was von Logiklöchern (aka Plotlöchern) lesen! Ja, da kann man sich toll mit profilieren als Kritiker, in dem man die Logiklöcher entdeckt, über die Andere einfach drüber geschritten sind. Ich fühle unglaubliche, professionelle Frustration, denn mich als Philologen schmerzt das ungemein, diese Hatz der Kritiker auf vermeintliche Logiklöcher.
In der Sprache der meisten Kritiker sind Logiklöcher eigentlich keine Logiklöcher, sondern einfach nur Sachen, die off-screen geschehen und daher keine explizite Darstellung erfahren. Der Kritiker ist häufig nur nicht fähig, diese off-screen geschehene Szene sich vorzustellen; sei dies, dass er es tatsächlich nicht kann oder (was häufiger ist) nicht will. So einfach ist das. Ob sich der Macher da Gedanken darüber gemacht hat, wie das nun genau aussieht oder nicht, ist egal. Natürlich gibt es hier ein Problem, denn man muss nicht jeden Klogang explizit zeigen; man weiß einfach, dass er geschieht. Ähnlich muss man wirklich nicht alles zeigen.
Die Glaubwürdigkeit dessen, was nicht gezeigt wird, ist aber wichtig, um die Suspension of Disbelief nicht zu zerstören, um einen Begriff Coleridges zu benutzen. Mittlerweile gilt es allerdings häufig als alleiniges Verschulden des Werkes, wenn es zu unglaubwürdig ist und somit dem Publikum nicht ermöglicht, sich dieser Suspension of Disbelief hinzugeben. Aber (und das wird oh-so-häufig übersehen!) die Hauptverantwortlichkeit der Suspension of Disbelief liegt nicht beim Werk (dort auch - ein wenig - irgendwie), sondern beim Zuschauer!
Es geht bei der SoD auch um die
Bereitschaft des
Publikums, sich Unzulänglichkeiten zu ergeben. Und diese Bereitschaft ist bei den meisten postmodernen Kritikern nicht mehr gegeben. Auf der Wikipedia kann man das alles aber sowieso finden, sowohl auf Englisch wie auch auf Deutsch. Aber auf der Wikipedia steht dann sogar schon wieder: "Als Beispiel seien hier die frühen Staffeln der Serie Doctor Who genannt, wo das Publikum die billigen Requisiten und die vorkommenden Logiklöcher ignorieren muss, um die Geschichte völlig genießen zu können."
Ich kenne "Dr. Who" nicht - ich weiß, dass dies ein großer Makel ist, den ich irgendwann korrigieren will, aber darum geht es nicht. Es geht auch nicht darum, "Dr. Who" nun blind zu verteidigen, denn vielleicht gibt es da wirklich unschöne Löcher. Das Problem ist, dass Logiklöcher als Kritikpunkt schneller gezückt werden als man vernünftig darüber nachdenkt. Häufig liegt die Unzulänglichkeit nämlich nicht an der Logik der Handlung oder der Szene, sondern an der Vorstellungskraft des postmodernen Kritikers.
Wenn jemand vor einem verschlossenen Tresor steht, keinerlei Werkzeuge dabei hat und in der nächsten Szene drin ist, dann wird es haarig mit der Glaubwürdigkeit, denn man sieht nicht, wie man in den verschlossenen Tresor kommt. Das kann man einfach als gegeben hinnehmen, denn ganz ehrlich: In einen Tresor zu kommen geht schon irgendwie und sei dies, dass derjenige off-screen sich doch noch Werkzeuge geholt hat. Wäre schon nett, das explizit zu zeigen, aber muss man auch nicht. Das geht. Oder aber man jammert, weil es ja so unrealistisch ist, dass man ohne Hilfsmittel einfach im Tresorraum steht.
Natürlich ist es unrealistisch; aber nur, weil es nicht gezeigt wird, ist es nicht unlogisch - nur nicht gezeigt. "Nicht gezeigt" ist ungleich "Logikloch". Lernt das doch bitte endlich mal, ihr selbstherrlichen Kritiker dieser Welt! Man sollte schon darauf aufpassen, was man zeigt und was nicht. Denn man kann schon ganz schön daneben greifen, wenn man etwas nicht zeigt, weil es tatsächlich Darstellung benötigt hätte. Ja, das kann sein und muss von Szene zu Szene geprüft werden. Aber diese ganzen Pseudo-Kritiken gefallen sich so ungemein darin, angebliche Logiklöcher aufzudecken. Ein Werk mit ständigen Erklärbären ist langweilig und gerade die Leerstellen laden zum Nachdenken und Diskutieren ein. Die Leerstellen sind es, die ein Werk bemerkenswert machen - können.
Man selbst aber ist der große Kritiker, der den Durchblick und Überblick hat, erkennen kann, was Darstellung benötigt hätte und was nicht. Da wird häufig mit keinem bisschen Wohlwollen gegenüber dem Werk interpretiert, dass etwas seinen Grund hat und man es darauf beruhen lassen kann. Ohne Frage: Bei einer Kritik geht es um Kritik und mit Wohlwollen ist da nicht unbedingt gedient, denn man will schließlich eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Werk haben. Dennoch: Fairness darf auch der Kritiker haben, aber diese Fairness ist in der Selbstverliebtheit der postmodernen Kritiker all zu häufig verloren gegangen.
Da geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Werk, sondern um die Selbstdarstellung des Kritikers: Er erhebt sich über das Werk als Gottkaiser der Kreation, denn er weiß, was wann, wie und wieso ist und sein sollte. Der postmoderne Kritiker zelebriert sich somit selbst auf diese Art und Weise. Die postmoderne Kritik ist somit keine Auseinandersetzung mit dem Werk, sondern die Eigenkonstruktion des Kritik-Kaisers; und das Werk stirbt, verblasst neben ihm, um diesem Kritiker zu einem parasitären, selbstdarstellenden Werk zu verhelfen; nicht zu verwechseln mit Intertextualität! Leider sind die Grenzen da fließend.
Comments
Fri, 21.11.2008 14:58
Mit dem Esslinger Weihnachtsmarkt klappt es dieses Jahr leider nicht. Wir sind erst zwischen den Jahren (also nach [...]
Mon, 17.11.2008 18:58
Danke für den Hinweis. Korrigiert.
Mon, 17.11.2008 18:52
Was ein deutsche Vizejugendmann ist kann ich mir vorstellen, aber was ist ein Schtsmeister? (SCNR)
Fri, 14.11.2008 12:49
Ja, können wir gerne schauen mit dem Esslinger Weihnachtsmarkt. Wir sind wohl wieder zwischen den Jahren unten in [...]
Fri, 14.11.2008 10:50
Ich muß mal schauen, momentan haben wir noch keine großen Pläne gemacht. Evtl die Turniertage und das avarische [...]
Fri, 14.11.2008 09:53
Dimo! Ich musste häufiger in letzter Zeit mal an dich und die anderen Nebellegendler denken. Dieses Jahr ist es leider [...]