Am 10. September ist mein Vater zwischen 19 und 20 Uhr gestorben. Heute wurde er beigesetzt. Er hatte lange Zeit Krebs - mehrere Jahre. Anfangs hieß es, dass er das nächste Weihnachten wohl nicht überleben würde - doch er tat es. Die Behandlung sprang gut an und die Chemo-Therapien hatte er gut vertragen. So gut, dass der Krebs sogar zurück ging. Bis dann letztes Jahr wohl ein Stillstand erreicht wurde und die Ärzte zu einer härteren Chemo griffen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein ungutes Gefühl und dachte mir, dass sie das doch besser lassen sollen. Aber es wurde gemacht und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es seitdem massiv schlimmer wurde. Während er bis letztes Jahr noch ungeheuer fit war, wurde er dieses Jahr immer lethargischer, was sich von Woche zu Woche verschlimmerte und dann in den letzten paar Tagen ungeheuer schnell ging.
Mehr durch Zufall war ich am selben Abend noch einmal da. Ich hörte Geräusche aus dem Wohnzimmer und dachte, mein Vater schnarcht nur einmal wieder laut, denn er schnarchte schon immer wie ein Weltmeister. Aber es war wohl Schleim, den er nicht mehr abhusten konnte, da er in so einer Art Koma lag. Mehr durch Zufall war auch mein Bruder nochmal da. Irgendwie konnte ich es anfangs noch nicht so recht glauben, bis dann der Arzt ihn sich ansah und zu meiner Mutter sagte: "Das ist in dieser Phase des Sterbens so..." In dieser Phase des Sterbens ... das war ein merkwürdiger Teilsatz, der mich ziemlich schockierte, denn für mich war es eigentlich noch nicht so weit; bis ich diesen Satz hörte. Ich blieb noch eine Weile. Mein Bruder und ich gingen dann zusammen und als ich zu Hause ankam, hatte meine Mutter bereits angerufen: Mein Vater wäre keine 10 Minuten später gestorben, nachdem wir wieder unterwegs waren.
Viel weiß ich jetzt auch eigentlich gar nicht zu meinem Vater zu schreiben, auch wenn ich eigentlich einiges jetzt schreiben wollte. Mein Vater war ein Sportler durch und durch. Das hat man wohl auch daran gemerkt, wie gut er anfangs den Krebs und die Chemo aushielt. Doch je mehr es wohl an ihn ging, desto schwieriger wurde es, denn mein Vater hatte sonst kaum Interessen. Gerade gegen Ende war es wohl einfach nur noch ein hinwegschlafen, denn die Energie war nicht mehr da. Was konnte da auch die Energie bringen bei einem Mann, der Sport für sein Leben gern gemacht hatte, aber dazu nicht mehr fähig war?
Er war begeisterter Fußballer und erzählte immer wieder gerne vom Fußball. Ich habe es sogar noch im Kopf, wie er Szenen vom Fußball beschrieb, immer mit dem charakteristischen "und dann kam er bupp-bupp-bupp hindurch" und mit dem "bupp-bupp-bupp" war entweder ein besonders gekonnter Lauf oder ein besonders guter Doppelpass gemeint. Immer, wenn wir hier in der Umgebung in einem Vorort kamen, wusste er genau, wo der Sportplatz war, denn er hatte schon lange Fußball gespielt. Früher bei 1840 Mainz, wo er dann mit der Altherren-Mannschaft aus Protest weg ging und zu Kastel 1948 wechselte, wo auch ich dann schließlich Fußball spielte. Mein Vater war jahrelang Trainer unserer Jugendmannschaft, begleitete mich somit meine ganze Fußballzeit bis zur B-Jugend. Mein Vater schaute auch gerne Fußball, aber eigentlich war er immer eher ein Macher als ein Zuschauer. Selbst als Trainer stand er immer am Spielfeldrand und rief dann "Attacke!", um uns anzufeuern.
Ebenso war er begeisterter Tischtennisspieler, der bei seiner späteren Arbeitsstelle der Oberfinanzdirektion Koblenz in der Arbeitsmannschaft spielte - auch zusammen mit mir. Ich kannte ihn nur, dass er "irgendetwas" bei der OFD Koblenz machte, auch wenn er ursprünglich gelernter Zeichner (Architektur) beim Grebner war, wo er auch meine Mutter Mutter kennenlernte. Dort haben wir lange Zeit zusammen gespielt, auch im Doppel. Seine besondere Eigenart war sein Anti-Top-Belag auf seinem Schläger, auf dem er immer wieder stolz war und gerne die Gegner ein wenig linkte, weil der Drall aus dem Ball herausgenommen wurde. Ich kann mich noch gut an meiner Kinderzeit erinnern, wo ich immer zum Tischtennis mitgenommen wurde in der Kurmainz-Kaserne hier in Mainz. Da war ich noch zu klein zum Mitspielen und spielte immer nur auf den Wiesen draußen, erkundete die Umgebung, jagte Hasen und lief in der Halle so meine Runden. Es war eigentlich ziemlich langweilig, aber dennoch mochte ich es immer, denn anschließend sind wir dann immer zusammen in der Kaserne etwas Essen gegangen, wobei für mich eigentlich immer eine Portion Pommes raussprang und manchmal sogar - wenn ich Glück hatte - durfte ich an einem dieser alten Spielautomaten spielen, wo ich auch eines meiner absoluten Lieblings-Spiele von früher - "Bomb Jack" - spielen durfte.
Mein Vater war ein unglaublicher Sturkopf. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man ihn nicht davon abbringen. Und wenn er jemanden nicht leiden konnte, dann konnte man ihn auch davon nicht abbringen. Da habe ich wohl auch so einiges von ihm. Ebenso war er passionierter Nichtraucher; allerdings eher von der militanten Sorte. Er verteilte sogar Zettel im Treppenhaus unserer Mietswohnung mit Totenköpfen und einem Antiraucher-Spruch oder dem Bild von einer Teerlunge. Aber das gehörte irgendwie zu ihm, auch wenn das eben einer der eher unsympathischen Züge von ihm war.
Im Gegensatz dazu konnte man aber eigentlich alles von ihm haben. Er war immer sofort da, wenn man ihn brauchte. Wenn ich einmal irgendwo den Bus verpasst hatte, von einer P&P-Session abgeholt werden musste oder von einem LARP-Con, dann war er immer da, ungeachtet der Uhrzeit. Selten sah man ihn wirklich sauer oder mies gelaunt. Es war meist mehr eine stoisch gute Laune, die man ihm auch während seiner Krankheit anmerkte und leider wohl auch der Grund war, warum er erst so spät zum Arzt gegangen ist und der Krebs daher erst so spät - zu spät - erkannt wurde. Wenn irgendetwas schief lief, wenn man ungerecht behandelt wurde, dann war er sich nicht zu schade, bei jemandem vorbei zu gehen und ihm die Meinung zu sagen - leider ... wie man auch manchmal sagen musste. Denn man konnte ihn - dank seines Dickkopfes - nicht davon abhalten, selbst wenn es einem peinlich war.
Es war so üblich von ihm, einfach irgendeinen blöden Kommentar einzuwerfen - und egal, wie unwitzig es eigentlich war, es war doch irgendwie witzig, auch wenn ich keine Ahnung, wie es ihm gelang. Er hatte einfach immer einen extrem schwarzen und trockenen Humor. Weihnachten war dann auch meist so, dass er entsprechende blöde Sprüche beim Essen brachte oder einen Witz zum x-ten Mal erzählte; aber das gehörte irgendwie dazu und ich glaube, es geschah bei ihm auch mit einer gewissen Selbst-Reflektivität, also, in dem Bewusstsein, dass er diesen Witz schon zum x-ten Mal erzählte und dass er eigentlich nicht witzig ist. Er lachte auch nie selbst über seine Witze. Eigentlich lachte er sowieso sehr selten, aber das fiel eigentlich nie auf, denn er wirkte nicht so, als ob er ein unlustiger Mensch wäre - im Gegenteil ... eben eher stoisch-lustig, trocken halt. In Wiesbaden erzählte er immer wieder an der gleichen Stelle eine Geschichte über Zuckerrüben. Eine Geschichte, die ich leider schon gar nicht mehr weiß, sondern nur noch, dass sie um Zuckerrüben ging und wir jedes Mal aufstöhnten. Ich kann auch nicht mehr sagen, wo es genau war. Es war irgendwo beim Kochwasser-Brunnen in Wiesbaden auf der Straße, die in der Nähe der Tanzschule meiner Eltern war.
Es war immer so ungeheuer schwer, für ihn etwas zu Weihnachten zu finden. Denn außer Sport hatte er eigentlich keine Interessen. Er las nicht, außer der BILD und der Rheinzeitung und auch zum Film-Schauen konnte man ihn nicht wirklich bringen. Jedes Weihnachten zerbrach ich mir den Kopf darüber, was ich ihm schenken könnte, denn ich wollte ihm immer etwas "Richtiges" schenken. Meine Mutter empfahl mir dann immer ein paar Socken oder Aftershave, aber das wollte ich nicht. Ich wollte ihm etwas schenken, worüber er sich wirklich freute und was nicht einfach nur ein Nutzgegenstand war. Doch meine Mutter meinte, dass er sich darüber freuen würde - vermutlich tat er das auch wirklich. Dennoch wollte ich da einfach - mehr. Ich versuchte es immer mal wieder, manchmal gab ich aber auch auf und schenkte ihm dann wirklich Socken oder Aftershave, wenn mir einfach nichts einfiel. Ein Parodie-Buch über Helmut Kohl - seinen persönlichen Hass-Politiker - funktionierte nicht. Eine DVD-Sammlung von Freddy Quinn - einen seiner Lieblinge - funktionierte nicht. Lediglich wohl einmal mit der DVD zum "Wunder von Bern" - damit konnte ich wohl punkten. Aber eigentlich war das auch nicht verwunderlich, denn das hatte auch wieder mit Fußball zu tun.
Mein Vater war ein Dickkopf, wie er im Buche steht, ein Streithansel, wenn er sich im Recht wähnte oder wenn es darum ging, jemanden zu beschützen und ein Dumme-Sprüche-Klopfer. Das sind wohl so einige Sachen, die ich von ihm habe. Was ich nicht von ihm habe, ist seine Ruhe. Bis heute weiß ich nicht, ob er auch so viele Selbstzweifel hatte, denn darüber redetete er nie. Er ließ sowieso fast nie jemanden in sich reinblicken und dennoch spürte man häufig, wie es ihm geht, was er will. Ich verstehe nicht, wieso es mir nun die letzten Tage so nahe gegangen ist, denn eigentlich war mein Vater seit Anfang dieses Jahres schon "anders" - nicht mehr so, wie ich ihn kannte. Das war zwar mein Vater, aber mein Vater war anders und es tat mir immer weh, ihn so hilflos zu sehen und so lethargisch - denn das war er nicht. Eigentlich hatte ich mich schon vor unserem
Türkei-Urlaub innerlich von ihm verabschiedet, denn ich hatte befürchtet, dass es da schon so weit sein könnte. Und dennoch geht es mir jetzt schon nahe - näher als ich dachte.