Mein Vater hat Krebs - das muss keinem leid tun und da muss auch keiner was deswegen sagen, schon gar keine Beileids-Bekundungen oder ähnlichen Schmonsenz, denn er hat schon seit etwa drei Jahren Krebs und tot ist er schließlich noch nicht. Was für ein Krebs es genau ist, weiß ich nicht. Ich glaube, irgendetwas mit der Leber. Genau wollte ich das nie wissen und will ich auch nie wissen. Ich leide bei solchen Sachen viel zu sehr mit. In einer Haruhi-Welt wäre ich wohl ein ganz klassischer Empath, denn das nimmt mich einfach immer zu sehr mit, denn ich kann mir das alles immer zu gut vorstellen, mich zu gut in die Position des Anderen reinversetzen und kann dagegen nur schwerlich etwas machen. Das ist so ungefähr, wie der Hulk eben grün wird, wenn er wütend wird; nur bei mir eben nicht ganz so imposant und auch nicht ganz so grün.
Wieso ich das nun schreibe? Weil mir danach war, weil mir danach ist. Schon seit längerem wollte ich einfach etwas dazu schreiben. Irgendetwas dazu, wie hilflos man sich da manchmal fühlt und auch wie wütend, weil man meint, dass er falsch behandelt wird - und das nicht nur von den Ärzten. Dass man da viel zu häufig das unbestimmte Gefühl der Gewissheit (ah, there's paradox!) hat, dass man selbst es anders und besser machen würde. Aber ich kann das nicht, denn das ist nicht mein Leben. Ich habe in der Vergangenheit da genug auch in meinem Leben gehabt, seitdem meine Frau auf einem Ohr taub geworden war (auch schon sicherlich 6 Jahre her) - das hat schon genug und zu gut an den Energie-Reserven gezehrt. Daher kann ich das noch nicht einmal bei einem Leben, aus dem ich ausgezogen bin, das sich jenseits des Rheins auf der anderen Seite abspielt. Denn ich kann und werde nicht diesen Fehler machen, mein Leben zu zerrupfen, weil sie damit nicht fertig wird. Doch das ist ein anderes Thema, das es eigentlich wert wäre, auszuführen, aber ich auch nicht will. Doch hat es seinen Grund, auch wenn es zunächst vielleicht unmenschlich klingt, vielleicht klingt es auch so wenig mitfühlend - dabei ist der Grund genau das Gegenteil.
Ich weiß schon länger, dass mein Vater Krebs hat. Am Anfang dachte meine Mutter, dass er das nächste Weihnachten nicht erlebt - falsch gedacht. Und doch hat sie es geschafft, mich verrückt zu machen damit. Denn wenn man etwas häufig genug hört, beginnt man auch daran zu glauben - egal, wie sehr man nicht daran glauben will. Es sickert durch, setzt sich fest, saugt sich fest, ob man will oder nicht. Er erlebte aber das nächste Weihnachten und auch das darauf und auch letztes. Dennoch waren immer wieder diese Zeiten, in denen die "DOOOOM!"-Rufe geschahen und wie es bei "DOOOOOM!"-Rufen so ist, verhallen sie besonders dumpf, wenn auch mit unangenehmen Echo. Dennoch: Sie verhallen und von ihnen bleibt nichts als das Echo und auch das ist weg - kein Untergang, kein DOOOOM.
Meine Mutter hatte mir gestern dann gesagt, dass die Chemo-Therapie nicht mehr fortgesetzt wird: Lebensqualität und so. Denn das alles hat sich nach den neueren, härteren Therapien dieses Jahr, doch wohl langsam auch dahin ausgedehnt, dass es Auswirkungen auf seinen Kopf hat. Und tatsächlich ist es merkwürdig, meinen Vater in den letzten Wochen zu sehen. Wie wenig Elan er hat, wie wenig Motivation, wie schwerfällig er geworden ist, sowohl körperlich als auch geistig - ein Mann, der Zeit seines Lebens begeisterter Fußballer und Tischtennis-Spieler war, Sport geliebt hat und immer auf Achse war. Es ist ein merkwürdiges Gefühl und es wurde in den letzten Wochen immer merkwürdiger. Um so mehr hatte ich die Befürchtung, dass er unsere
Hochzeit nicht mehr mitbekommen kann - doch das konnte er zum Glück und es lief auch gut, auch wenn er auch dort ein wenig apathisch teilweise wirkte.
Die Chemo-Therapie wird also nicht mehr fortgesetzt. Was das heißt? Ein viertel Jahr? Ein halbes Jahr? Ein Jahr? So ungefähr die Worte meiner Mutter. Wieder DOOOOM? Wieder nur Echo? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es wohl recht gefasst aufgenommen hatte. Kein Zusammenzucken - vielleicht habe ich es auch schon längerem geahnt. Im Prinzip hatte ich mich innerlich auch schon vor unserem Türkei-Urlaub von meinem Vater verabschiedet, da ich irgendwie ein ungutes Gefühl hatte - vielleicht ja auch nur ausgelöst durch meine Mutter, aber ich hatte dieses Gefühl. Vielleicht habe ich deswegen so eine gewisse Distanz. Doch habe ich sie wirklich?
Im Auto auf der Rückfahrt war ich in einer komischen Stimmung. Ständig hörte ich
bestimmte Lieder meiner CD im Repeat. Und dann fiel mir wieder auf, wie sehr manchmal doch Musik wirklich wie ein Soundtrack des Lebens ist, wie sehr es Stimmungen auffangen kann und wiedergeben kann. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich nichts gefühlt habe, dass ich es gefasst aufgenommen habe. Insbesondere, da es schließlich immer noch ein DOOOOM-Ruf hätte sein können. Doch warum wollte ich dann auf einmal einfach nur heim? Und da musste ich an
Marcs Interpretation von Dr. Horrible denken und zumindest weiß ich jetzt - glaube ich - welches Gefühl er meinte, welche Beteuerung, dass er nichts fühlt und dennoch ist es anders. Aber ich denke, dass man dieses Gefühl nur fühlen kann, wenn man beteuern muss, dass man nichts fühlt, denn ansonsten ist es ein anderes.