
Ich habe einen neuen Anime-Geheimtipp, der aber schon seit längerem zu vermuten war. Gestern haben Marc und ich aber im letzten Rutsch die komplette 1. Staffel "The Melancholy of Haruhi Suzumiya" geschaut und ich kann nur sagen: Super! Magical-Girl? Nein! Sci-Fi-Serie? Nein! Postmodern? Ja! Die Serie ist - wie auch schon erwähnt - gelebter
Post-Strukturalismus, gelebte Dekonstruktion. Das spricht mich als bekennenden Post-Strukturalisten natürlich besonders an und begeistert mich um so mehr, dass es das nun auch in einfach zugänglicher Pop-Kultur gibt.
Der Post-Strukturalismus findet sich eigentlich in allem wieder, sowohl in Inhalt, wie auch in der Form, denn die Serie ist falsch gesendet worden und die Folgen demnach durcheinander, wodurch man das Ende der 1. Staffel ungefähr in der Mitte sieht und die Mitte am Ende (wobei das das eigentliche Ende sogar ist). Außerdem ist die Serie eigentlich eine "Unknown Armies"-Serie. Klingt komisch, ist aber so und ich denke, jeder, der von "Unknown Armies" begeistert ist, wird auch diese Serie lieben, denn sie erinnert mich in so einigen Aspekten an dieses wirklich grandiose Rollenspiel.
Die Serie in einer Nussschale: 1. Gott ist eine Frau 2. Sie weiß nichts davon und 3. Sie hat gewaltig einen an der Waffel. Das ist nun eine Aussage, die sowieso viele treffen werden und auch reichlich abgedroschen klingt und ist, aber das umschreibt die Serie schon recht gut. Sie Serie ist recht aufgedreht und dennoch sind viele nachdenkliche und richtig philosophische Momente drin. Tragik und Drama kommen auch nicht zu kurz und das obwohl es stellenweise so unglaublich albern ist. Die Serie erinnert mich an meinen anderen Anime-Geheimtipp, den ich ja auch schon immer in meinem Blog hier anpreise: Love Hina. Während "Love Hina" die romantischste Slapstick-Comedy ist, die ich kenne, ist "The Melancholy of Haruhi Suzumiya" die abgedrehteste Mystery-Romance.
Charaktere toll, Design toll, Sprecher toll, Ideen toll, Dialoge toll, Gefühle toll. Die Serie fängt sehr aufgedreht an und hört mit einer unglaublich romantischen und leicht nachdenklichen Note auf. Ich bin gespannt, freue mich tierisch auf die 2. Staffel und werde mir zur Überbrückung die Light Novels dazu holen, die auch Ende des Jahres auf Englisch rauskommen werden. Als kleiner Tipp zum Anschauen der Serie: Schaut nicht (!) in der chronologischen Reihenfolge. Marc und ich sind uns einig, dass die Serie toll ist, aber sie vermutlich ein wenig verliert, wenn man die "richtige" Reihenfolge schaut. Also lieber die falsche "richtige" Reihenfolge anschauen, wie die Serie auch gesendet wurde. Es passt einfach zu gut zur Serie und dadurch kommt auch das Ende ans Ende, das da eigentlich hin gehört und womit die Staffel so unglaublich toll aufhört. Wer sich über die "richtigen" Reihenfolgen der 1. Staffel informieren will, kann das sehr einfach auf der Wikipedia machen.
Leider muss man sagen, dass man als Käufer des deutschen Releases schon recht verarscht wird. Ich habe mir die Sammelbox mit der 1. DVD schon geholt, bevor ich die Serie mir angesehen habe - Blind-Kauf, weil ich wusste, dass es mir gefallen wird, auch wenn ich nicht ahnte, wie großartig es dann letzten Endes wirklich ist. Ich werde es mir auch weiter zu Ende ansehen, einfach um diese tolle Serie zu unterstützen. Dennoch haben Marc und ich uns schon die ganze Staffel auf anderen Wegen angesehen und dadurch habe ich den Vergleich zwischen dieser Version und meiner.
Die Version, die wir gesehen haben, hatte gute Untertitel und man hatte nicht das Gefühl, dass man was verpasst und irgendwas schlecht untertitelt ist. Im deutschen Release wurde hier schon kräftig geschlampt: Nicht alles ist untertitelt. Häufig spricht Kyon aus dem Off und kommentiert das gerade Geschehene oder gibt einfach seine Gedanken wieder. Währendessen läuft die Handlung auch mal weiter und man hört im Hintergrund die Stimmen weiter reden. In "unserer" Version wurde beides untertitelt. In der deutschen Version wird nur Kyons Teil untertitelt. Das ist schwach und traurig, denn dadurch verliert die Serie für jemanden, der kein Japanisch kann und dennoch aber die japanischen Stimmen haben will. Und hier ist dann auch schon der nächste Punkt, warum man beim deutschen Release der Gelackmeierte ist: Die Stimmen sind so unglaublich schlecht. Ja, ich weiß, es gab eine Abstimmung unter Fans, die für ihre Lieblings-Synchronsprecher wählen durften und die Auswirkung auf die Synchronsprecher hat. Um so erschreckender ist das Ganze, denn die Synchronsprecher sind wirklich schlecht gewählt. Dennoch sind die Untertitel zumindest noch erträglich, was man von der deutschen Synchronisation nicht behaupten kann - die ist nämlich unerträglich.

Mikuru wird im Japanischen schon allein durch die Stimme so grandios charakterisiert als schüchternes Mauerblümchen, dass man gar nicht umhin kommt, das zu bemerken. Im Deutschen hat sie eine vollkommen gewöhnliche Stimme und wirkt alles andere als schüchtern. Das ist einfach schlecht, wenn solche Eigenheiten verloren gehen, denn der Charakter wird dadurch ein ganz anderer. Ähnliches bei Yuki Nagato nur andersherum, denn Yukis Stimme zeichnet sich durch vollkommen monotones und gelangweiltes Sprechen aus, während die deutsche Stimme zu viel Gefühl reinlegt und dadurch diese Eigenart von Yuki kaputt gemacht wird. Und auch bei Kyon haben die Synchronsprecher geschlampt, denn der klingt einfach, als ob er ständig seinen Text vollkommen gelangweilt ablesen würde. Das ist bei der 1. Episode vielleicht noch ganz passend ("The Adventures of Mikuru Asahina"), aber spätestens ab der 2. Episode passt es einfach nicht mehr. Und so könnte ich weiter über die deutsche Synchro schimpfen. Leider gibt es im Netz viele Lobeshymnen auf diese deutsche Synchro, an der die deutschen Fans ja mitbestimmen durften. Ich kann da nur verständnislos den Kopf schütteln, wie man sich darüber freuen kann, sofern man nicht vollkommen Fanboy-tum erliegt und ohne jegliche kritische Reflektion alles von einer Person toll findet. Sehr erschütternd.
Hinzu kommt, dass man beim Kauf des deutschen Releases die chronologische Reihenfolge auf den DVDs hat. Das ist aber keineswegs die Reihenfolge, die ich zum Ansehen empfehlen würde, denn die a-chronologische Reihenfolge fetzt einfach viel mehr und passt oh-so-viel-besser! zur Serie. Wenn man also zeitnah zum DVD-Erscheinen die DVDs kauft, wie ich jetzt, dann kann man theoretisch nur einen Teil der Folgen der gekauften DVD schauen, weil die anderen Folgen, die man "eigentlich" schauen müsste, wenn man es "richtig" schaut, auf den nächsten DVDs verstreut sind. Da hat sich also jemand so richtig gar nicht mit der Original-Serie beschäftigt, obwohl er sie übersetzt hat - sehr traurig. Das merkt auch vor allen Dingen daran, dass das tatsächlich komplett unter den Teppich gekehrt wird. Lediglich die 1. Folge "The Adventures of Mikuru Asahina" ist richtig a-chronologisch. Normalerweise ist es auch so, dass bei der Folgenvorschau zwei Folgennummern angesagt werden: Die a-chronologische Folgennummer wird von Haruhi angesagt und dann mischt sich Kyon immer meckernd und schimpfend ein, dass das ja gar nicht stimme und sie das doch endlich mal richtig lernen sollte und sagt dann die chronologische Folgennummer an. Eine super schöne Umsetzung der ganzen Sache. Auf Deutsch aber? Da bekommt man nichts davon mit. Da sagt lediglich die Synchronsprecherin von Haruhi die chronologische Folgennummer und fertig; kein Einmischen von Kyon, kein Streit, gar nichts. Auch das ist sehr traurig.

Über die Übersetzung kann ich leider wenig schimpfen, denn ich kann kein Japanisch. Dennoch kann ich ein wenig schimpfen über die Übersetzung und das ohne Ahnung davon zu haben und habe leider mit meinem Schimpfen auch noch recht und auch das ist traurig. Denn gerade in der 1. Episode wird "super incredible power" einfach nicht übersetzt und bleibt auch im Deutschen "super incredible power", was sehr befremdlich und unpassend klingt und auch wenn Mikuru von einem Ladenbesitzer erzählt, heißt es auf Japanisch "nice guy", was im Deutschen dann ganz toll mit "nice guy" übersetzt wurde. Vermutlich dachte sich da jemand, da es auf Japanisch schon Englisch ist, dass man es dann nicht übersetzen sollte - aus welchem Grund auch immer. Es wirkt einfach wie ein Fremdkörper in der Sprache der sowieso schon schrecklich schlecht gesprochenen deutschen Synchronisation. Ich möchte also gar nicht wissen, was da noch so an Übersetzungs-Fehlern drinnen sind, die mir als "Nicht-Japanisch-Könner" einfach nicht aufallen. Die Benutzung von "-kun" und "-chan" an den Namen ist im Deutschen allerdings auch leicht befremdlich und auch hier haben die Übersetzer nicht beherzigt, dass man einen Text auch "kulturell" übersetzen muss oder sollte; da hätten also dann mindestens noch Untertitel zur Erklärung hingehört. Man kann also abschließend sagen, dass die deutsche Synchronisation und Übersetzung von "The Melancholy of Haruhi Suzumiya" an Schrecklichkeit fast an die deutsche Synchronisation von "Buffy" und "Angel" rankommt, die auch desaströs war.
Dennoch werde ich mir den deutschen Release von "Melancholy" zu Ende holen, denn die Serie verdient das einfach. Die Serie ist einfach toll und da es wenigstens Japanisch mit deutschen Untertiteln gibt, ist es halbwegs erträglich; obwohl die deutschen Untertitel auch nicht gerade der Renner sind, aber allemal besser als diese Synchronisation. Außerdem ist der Schuber und die DVD hübsch und die ursprünglichen Macher von "Melancholy" können nichts für den verkorksten deutschen Release. Also: "The Melancholy of Haruhi Suzumiya" - große Serie, leider nur nicht auf Deutsch! Gucken! Gucken! Gucken! Große Empfehlung meinerseits. Wer sich einigermaßen für Animes erwärmen kann, wer einen Draht zu Postmodernismus hat, wer es gerne ein wenig abgedreht-philosophisch und dennoch romantisch haben will, dem sei nach "Love Hina" nun "The Melancholy of Haruhi Suzumiya" wärmstens ans Herz gelegt! Und: Jeder sollte einen Mikuru-Ordner haben.