Langsam habe ich das Gefühl, dass ich irgendwie innerlich ein wenig abstumpfe, was Unglücke betrifft. Ich schaue mir prinzipiell keine Katastrophen-Nachrichten an, weil ich damit nichts anfangen kann - für gewöhnlich. Es ist für mich zu weit weg und empfinde ich dann immer einfach nur als Sensations-Macherei; daher höre ich auch auf solche Sachen nie. Das dürfte auch der Grund gewesen sein, warum ich bis heute morgen nichts von dem Flugzeug-Unglück in Thailand wusste. Doch wurde dieses Flugzeug-Unglück sehr schnell sehr viel näher als alles andere, denn in diesem Flugzeug haben eine Kommilitonin und ihr Freund gesessen, mit denen ich sogar beide auch lange Zeit in der Videothek gearbeitet habe. Und da ist es passiert: Es ist nicht mehr weit weg, sondern direkt bei einem selbst.
Ich kam heute Mittag in die Videothek und wollte eigentlich nur noch ein paar Filme für den Besuch bei Marc ausleihen. Grüßte aus der Ferne meine Kollegen und achtete nicht wirklich auf deren Gesichter; manchmal ist man ja generell in der Videothek ein wenig grimmiger, von daher dachte ich mir irgendwie nichts dabei und verschwand erst einmal in den Pyramiden, um nach Filmen zu schauen. Dann kam ich allerdings doch noch einmal näher, um "richtig" hallo zu sagen und war leicht irritiert, als mein einer Kollege merkwürdige gerötete Augen hatte und sich alle irgendwie eher im Flüsterton unterhielten. Bis es mir erklärt wurde. Viel dazu, was mir erklärt wurde, muss ich wohl nicht sagen, denn das habe ich weiter oben schon angedeutet.
Irgendwie konnte ich es einfach nicht glauben und was mich am meisten schockierte: Ich fühlte erst einmal nichts. Also, nicht nur erst einmal, irgendwie ... nein. Ich war überrascht, schockiert, aber hatte ein ungeheuer schlechtes Gewissen, dass ich nicht mehr fühlte. Wieso? Und das beschäftigte dann erst einmal meine Gedanken. Ich kann die beiden tatsächlich nicht so gut, wie die anderen und dennoch kannte ich sie eben. Mit ihm hatte ich einige Schichten und dutzende von wirklich tiefgreifenden Diskussionen, die mich sogar fast in den Wahnsinn trieben, weil er immer so typisch naturwissenschaftlich alles "wusste" und wir uns dann über so grundlegende Weltsicht-Dinger in die Haare bekamen. Aber dennoch waren es eigentlich interessante Diskussionen, die mich - zugegebenermaßen - häufig genug aber auch aufgeregt hatten. Er hatte so ein natürliches, selbstbewusstes und charmantes Auftreten und ich erinnere mich noch all zu gut, als vor ein paar Wochen irgendein Junkie bei uns in der Videothek ankam und uns wild beschimpfte und er sich zwischen uns und ihn stellte, weil ich nicht Manns genug war, etwas dagegen zu machen und mit solchen Situationen generell nicht umgehen kann - er hatte sich einfach in den Eingang der Theke gestellt, wo der Junkie schon halb rein wollte, und sperrte ihm somit den Weg zu mir und meiner Kollegin ab, die auch nicht wirklich mit der Situation umgehen konnte. Und er löste die Situation ohne Probleme mit seinem natürlichen Auftreten und Selbstbewusstsein auf. Das war nicht das einzige Mal, dass er sowas machte. Und mit ihr hatte ich zig Samstag-Abend-Schichten, die alle wirklich angenehm waren, obwohl es Samstag-Abend-Schichten waren, eben weil sie immer gut gelaunt war und man sich eigentlich immer gut mit ihr unterhalten konnte; ok, das mochte wohl auch daran liegen, dass wir ähnliches studierten.
Aber was macht es so merkwürdig für mich? Irgendwie ... als ich eben nach Hause kam und dann gleich einmal nach einem Artikel googlete und dann den obigen Artikel der Wormser-Zeitung fand, da setzte sich nun etwas schwarz auf weiß fest, was ich vorher irgendwie nicht glauben wollte und nicht glauben konnte. Zwar hatte mit eine andere Kollegin gesagt, dass sie gestern das in den Nachrichten gesehen hätte; sogar den Leichen-Sack im Fernsehen gesehen hätte, auf dem sein Name stand! Aber gerade diese Erzählung machte es so unglaubwürdig auf mich. Unglaubwürdig? Ja, so absurd es klingt, da ich noch nicht einmal damit meinte, dass sie lügt, aber es wirkte einfach nur unrealistisch auf mich - und tut es irgendwie immer noch ein wenig. All diese Geschichten drumherum lassen es mich wirklich kaum glauben. Es ist so nah und ... dennoch irgendwie so unglaublich fern. Da ist nun einmal so eine Nachricht, die einen wirklich betrifft, aber dennoch ist sie so fern. Erst dieser Zeitungs-Artikel, in dem es so ... sicher ... steht, lässt es langsam in mein Bewusstsein sickern, aber auch das nicht so wirklich. Irgendwie ist da immer noch der Gedanke, dass das vielleicht einfach nur vertauscht wurde, dass da ein Personal-Ausweis vertauscht wurde, dass es eine Verwechslung war usw. Zwar ist der Tod von ihr nicht bestätigt, aber alle meinten, dass sie sicherlich neben ihm gesessen hätte - hat sie ja auch vermutlich und in dem Zeitungs-Artikel steht es schließlich auch. Und dennoch habe ich immer wieder den Gedanken im Kopf, dass sie ja vielleicht doch nicht zusammen gesessen haben. Doch dann wiederum ist jede Szene, die mir in den Kopf kommt, schrecklich - egal wie.
Heute Mittag habe ich zwar viel gedacht in dem Moment und dennoch haben sich meine Gedanken nicht überschlagen. Ich war überraschend ruhig, gefasst irgendwie, vielleicht weil ich es eben einfach nicht glauben konnte oder kann - und das war und ist mir unglaublich peinlich. Ist es wirklich so, dass ich da einfach zu abgestumpft bin? Was mich dann auch wieder zu dem Gedanken bringt, dass ich irgendwie ungewöhnlich viele Unfall-Opfer in meinen jungen Jahren kenne - 4 Stück nun mittlerweile. Das ist doch ... absurd. Und macht einem Angst, dass es so häufig ist; zumindest fühlt es sich häufig an, viel zu häufig. Und jedes Mal weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Wie reagiere ich? Wie sollte ich reagieren? Und wieso fühle ich mich so, als ob ich nicht so reagiere, wie ich sollte? Oder ist es das doch? Ich merke, dass ich irgendwie doch ein wenig neben mir bin, aber dann wiederum auch nicht. Es ist eine ganze Landschaft an Widersprüchen und dennoch fühle ich mich irgendwie gefasst - aber komisch.
Nein, irgendwie kann ich es immer noch nicht so wirklich glauben; will es auch gar nicht eigentlich. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich konnte es mir damals bei Daniel in der Oberstufe nicht vorstellen, ich konnte es mir bei Christoph nicht vorstellen, ich konnte es mir bei Jörg nicht vorstellen. Auch bei
Fred ist es immer noch so unwirklich und weit entfernt eigentlich. Das ist alles so ein Gefühl, als ob das alles gar nicht passiert wäre. Als ob da irgendjemand, irgendeine merkwürdige Geschichte erzählt hätte, aber diese Leute im Prinzip mir jederzeit wieder über den Weg laufen könnten - obwohl ich weiß, dass diese Vorstellung wohl absurd. Und dennoch sind diese Gedanken da. Vielleicht ein Schutz-Mechanismus, um sich auf dieser riesigen Landschaft nicht zu verlaufen. Es ist so unwirklich, so merkwürdig.
Ich versuche mir, vorzustellen, wie das abgelaufen sein muss und es hilft nicht, es wirklicher für mich zu machen. Immer mehr und mehr wirkt es dann eben wie ein Film, wie etwas unrealistisches, das sich in die Realität einschleicht und so tut, als ob es wahr wäre. Szenen, die man aus Filmen kennt, mit Leuten, die man aus dem Leben kennt - das muss ein wenig so sein, wie es für die Leute von 9/11 gewesen sein muss. Wobei ich das Gefühl habe, dass mein Selbst-Reflektivität es mir da irgendwie schwieriger macht, damit klar zu kommen. Vermutlich ist es einfacher, wenn man nicht das Gefühl hat, dass es unwirklich ist. Vermutlich ist es einfacher, wenn man nicht sowieso alles hinterfragt, wenn man es einfach akzeptiert und dann sich eben in die Einbahnstraße da eingliedert und sie bis zum bitteren Ende entlang fährt. Aber irgendwie gelingt mir das nicht; das macht es irgendwie schwer verdaubar, denn abschließen kann man mit solchen Sachen dann auch irgendwie schwer. Denn wie soll man es abschließen, wenn es für einen selbst nicht passiert ist? Die Wahrheit wird zwar um mich herum weiter geschrieben, doch in mir ist da eben immer noch dieser Zweifel, dieses Festhalten daran, dass es nicht real ist. Dass es eben diese post-moderne Welt ist, die sich vermischt, die verschwimmt, die merkwürdige Grenzen verschwimmen lässt - und das macht sie ja auch eigentlich, denn wo hört nun der Bezug einer Nachricht im Fernsehen auf und wo fängt er an? Wo hört es auf, nur eine Nachricht zu sein und wann wird es persönlich? Und wie kann man sich selbst umschalten von dem Modus, in dem man normalerweise diese ganzen Katastrophen-Meldungen eigentlich an sich abprallen lässt, weil alles andere unerträglich wäre? Wie schafft man das? Und sollte man das?
Es ist vermutlich albern zu sagen, dass ich abgestumpft bin. Das bin ich wohl nicht, sondern habe wohl nur Lag bis es einsetzt. Aber ich fühle mich dennoch irgendwie ... stumpf. Ich fühle mich nicht so, als ob ich im Strom mitschwimmen und dadurch sowas einfacher abschließen kann. Ich fühle mich dennoch irgendwie
bewaffnet mit Hoffnung, aber verunsichert und wankend, nachdenklich - so fühle ich mich irgendwie. Nicht so, dass ich sagen könnte, dass ich trauere oder trauern könnte. Das kann ich irgendwie gerade nicht ... und ich weiß nicht, ob ich das demnächst kann. Vermutlich kann ich das dann auch einfach nicht abschließen, denn dafür ist es zu unreal, zu sehr wie ein unwirklicher Film, bei dem man mitfiebert, mitfühlt, aber dennoch eben nicht drin ist. Aber der Vorteil eines Filmes hier gegenüber ist: Bei einem Film kann ich abschalten danach und das kann ich hier irgendwie nicht. Das ist vermutlich, was es dann letzten Endes eben doch zur "Wirklichkeit" macht.